Die Aufarbeitung des WR 825

Die unendliche Geschichte – WR 825

Eine Zusammenfassung von vielen Arbeitstagen

Der erste Speisewagen am Brünig soll 2024 zurückkehren

Historisch gesehen ist der WR 825 der erste, und gleichzeitig älteste Speisewagen am Brünig. Natürlich wurde durch die SBB Geschäftsbereich Brünig seinerzeit der erste offizielle Speisewagen lanciert, dies jedoch erst Ende der 80er. Die Vorplanungen hierfür reichen zurück bis in die 1950er Jahre. Doch diese Geschichte erzählen wir ein anders Mal.

Der 1995 gegründete Vorgängerverein Brünig Nostalgie Bahn hatte sich zum Ziel gesetzt, die noch vorhandenen, historischen Fahrzeuge soweit möglich , vor der Verschrottung zu retten und diese wieder im musealen Bahnbetrieb zu bewegen. Mit viel Verhandlungsgeschick und bestimmt auch Glück gelang es unter anderen auch den WR 825 zu bekommen. Das Fahrzeug hat eine lange Vorgeschichte.

Bei der Brünigbahn wurden über die Jahre und Jahrzehnte immer wieder reguläre Wagen um klassiert oder gar für andere Zwecke umgebaut. So erging es auch dem C4 825 mit Baujahr 1933. Aus den 60 Sitzplätzen wurden 24 und die Einteilung des 3. Klasse Wagens musste einer Rottenküche weichen. Einige Fenster wurden konstruktionsbedingt verschlossen. Der Wagen verkehrte nun Bahndienstwagen in brauner Lackierung. 

Der ehemalige Rottenwagen der Brünigbahn wurde als erstes Fahrzeug des damaligen Vereins Brünig Nostalgie Bahn, kurz BNB, aufgearbeitet. Die Fenstereinteilung des Wagens wurde in «Rottenwagen-Art» belassen, was den Ausbau zum rollenden Restaurant ermöglichte. Die Brünigbahn führte zu aktuellen Dienstzeiten dieses Wagens keine Speisewagen in ihrer Flotte.

Die grüne Lackierung macht den WR trotzdem zu einem «vorbildnahen» Wagen am Brünig.

Nach einem fatalen Rangierunfall ohne Verschulden des BNB erlitt dieses Fahrzeug einen erheblichen Schaden am Chassis. Ein weiterer Einsatz auf den Gleisen der Brünigbahn oder der LSE wurde somit unmöglich. 

Der Unfall ereignete sich 2001 in Luzern. So wurde der beschädigte Wagen nach Alpnachstad überführt. Lange und mühsame Verhandlungen führten dazu, dass der nicht unerhebliche Schaden am Fahrzeug durch die Versicherung des Verursachers gedeckt wurde.

Nun könnte man denken, dass die Arbeitsgruppe in Alpnachtad sich umgehend an die Arbeit machen würde. Dem war nicht so. Aus nicht nachvollziehbaren Gründen verzögerte sich die Aufarbeitung um etwas mehr als ein ganzes Jahrzehnt. Eigentlich stand die mögliche Lösung schon längere Zeit im Raum: Der WR 825 soll ein anderes Chassis bekommen. Kasten und Drehgestelle bleiben erhalten. Klingt einfach – ist in der Realität aber ein Grossprojekt.

Im Verlauf der Jahre veränderte sich nicht nur die Zusammensetzung der Gruppe der aktiv beteiligten Mitglieder, sondern auch die Vorschriften bei der Eisenbahn und in der Gastronomie. Um diesem Wandel gerecht zu werden, Musste das Projekt seit 2012, da wo die Arbeit erstmals aufgenommen wurde, mehrfach überarbeitet werden.

Aus Rottenküche wird Restaurant

Der Rottenwagen war mit einer typischen Küche der 60er Jahre ausgestattet.

Wer das ganze Netz der Zentralbahn befahren will, muss sich den gesetzlichen Vorgaben fügen. So sind etwa offene Feuer in den Zügen nicht erlaubt. Da war das Feuer am Gasherd in der WR-Küche aus. Das sich Bahnpersonal durch die Lebensmittelbereiche schleicht ist ebenfalls Geschichte und der Seitengang auf Höhe Küche eine beschlossene Sache.

Etwas Flair vom Orientexpress – so in etwa ist es einem der alten Rückspiegel zu entnehmen – sollte der WR erhalten. Ganz im Sinne der Gründer der BNB wird nun genau in diese Richtung gearbeitet. Doch bevor die Arbeiten beginnen können steht die Machbarkeit und die Planung.

Es ist schnell gesagt » wir machen einen Speisewagen mit Küche», in der Realität ist dieses Unterfangen mit riesigem Aufwand verbunden. Neben den Bahnspezifischen Bereichen wie etwa Drehgestelle, Bremsanlage, Kupplungen und Chassis gibt es im Inneren des Wagens enorm viel Einzelheiten zu beachten. Mit der grundsätzlichen strukturellen Veränderung der Raumeinteilung kommen viele neue Aspekte hinzu. In der Planungsphase wird ausgearbeitet wie der Service auf dem Wagen dereinst gestaltet werden soll. Alle Abläufe werden durchdacht. Das Selbe gilt für die Küche. Diese wird den Ansprüchen der künftigen Gesellschaftsfahrten gerecht werden müssen. Als grundlegende Änderung erfolgt die Verlegung des Durchganges durch die Küche in einen Seitengang. Dadurch wird der effektiv nutzbare Raum der Küche schmaler. Diesen Umstand kompensieren wir mit einer ausgeklügelten Raumeinteilung in der Küche.

Viel Technik auf engstem Raum

Zur Grundausstattung des Speisewagens gehören aus technischer Sicht die Wasserversorgung, elektrische Verkabelungen, Dunstabzug, Kühlgeräte und andere elektrische Küchengeräte und das Kochfeld. Da die Verkabelungen im WR 825 in einem äusserst desolaten Zustand waren, musste das ganze elektrische System von Grund auf erneuert werden. Es wurden neue Rohre verlegt und den Verbrauchern entsprechende Leitungen eingezogen. Alle elektrischen Anlagen werden an zentraler Stelle durch Sicherungen geschützt. Die Anlage ist vergleichbar mit einer elektrischen Anlage in einem kleinen Haus.

Gut zu sehen auf dem Bild sind die Leitungen welche zu den einzelnem Verbraucher gelegt wurden. Die provisorische Einspeisung mit dem Bauprovisorium ermöglichte das Arbeiten mit Elektrogeräten ab bereits verbauten Steckdosen. Nach der Fertigstellung werden alle einzelnen Stränge mit FI-Schaltern geschützt. Dann kann das Bauprovisorium entfernt werden. Rechts vom Verteilerkasten ist übrigens ein Fenster zu sehen, welches wieder geöffnet wurde. An dieser Stelle war architekturbedingt die Wand verschlossen worden, als der ehemalige Personenwagen zur Rottenküche wurde. Neu führt hier der Seitengang an der Küche vorbei.

Neben den elektrischen Herausforderungen musste das Konzept für die Wasserversorgung erarbeitet werden. Der Wagen wird mit zwei 150 Liter Frischwassertanks ausgestattet. Die Kunststofftanks entsprechen den Lebensmittelvorschriften und verfügen über eine Reinigungsöffnung. Um an die Normalien einer stationären Küche heran zu kommen, wird im WR 825 eine Wasser-Druckpumpe verbaut. Zum optimierten Wasserdruck wird eine Entkeimungsanlage installiert. So gibt es auf dem ältesten Speisewagen am Brünig Trinkwasser. Die Wasserversorgung führt zu mehreren Wasserbezugsorten wie Kaffeemaschine, Boiler, Steamer, Abwaschmaschine und den beiden Waschbecken in Küche und am Pass.

Die passenden Wassertanks sind eigentlich für den Ausbau von Camper und Wohnmobil vorgesehen. Nach dem Einbau der Überwachungseinheiten der Tanks lassen sich die Füllstände jederzeit ablesen.

Eine Meisterleistung des Schreiner-Teams

Die Küche des Speisewagens befindet sich in einem Raum, dieser besteht mehrheitlich aus einer Seitenwand mit eingebauten Möbelteilen und einer Vitrine, sowie einigen Stauschränken und einem Rollladen, dem eigentlichen Pass zur Essensausgabe. Die Kunst bestand einerseits darin, die Schränke so in die Konstruktion einzubinden, dass der Nutzen spezifisch für den WR 825 gegeben ist, anderseits die Gestaltung dem alten Eisenbahnwagen gerecht wird. Nachdem in der Planung Zeichnungen angefertigt wurden mussten für die Umsetzung entsprechende Materialien gefunden werden. Der Einbau sollte am Schluss aussehen, als sei es schon immer so gewesen.

Der Verein beschaffte sich einige alte Möbel, die dann umgebaut werden sollten. Der enorme Aufwand, die Möbel so in «Form» zu bringen, dass sie genau in den Wagen und zu den Bedürfnissen der Speisewagen-Crew passen forderte alleine beim Pass bis zur runden Vitrine weit über 200 Arbeitsstunden. Die Teams in Alpnachstad arbeiten Hand in Hand. So konnte Möbel und Technik nahezu gleichzeitig weiter ausgebaut werden. Der Rollladen am Buffet stammt von einem alten SBB-Büromöbel, die Schranktürchen allesamt von einem gratis Wohnzimmermöbel. Die grosse Herausforderung für die Maler in unserer Crew war die Anpassungen mit Lasur und Lack so auszuführen, dass zum einen der Eindruck eines alten «Originalmöbels» entstand zum anderen eine gewisse Gleichmässigkeit der einzelnen Elemente mit unterschiedlicher Herkunft entstand.

Neben der Durchreiche verbergen sich in diesem Möbel die Schränke für Geschirr und Gläser, ein Kühlschrank und der Ausguss. Seitlich konnte eine alte Vitrine in das Gesamtbild eingebaut werden.

Ein Hauch von Luxuszug

Wer nun denkt, mit etwas Möbelumbau und neuen Kabeln sei ein neuer Speisewagen im Innenraum erneuert, der hat sich getäuscht. Alle Wände wurden damals, im Gastraum, von der Mannschaft der BNB mit lackierten Sperrholzplatten versehen. So wurde etwas Atmosphäre geschaffen, denn der Rottenküchenwagen war innen komplett grau gestrichen. Die Aluminiumfenstersimse konnten goldfarben eloxiert werden. Dies trägt wesentlich zum warmen Ambiente bei.

Mit der Neugestaltung des Gastraumes soll den Gästen von zb Historic etwas Nostalgie, gemischt mit etwas Luxus aus dem «Orientexpress» gegeben werden. Der Um- bzw. Einbau eines alten Buffets führt da schon in die richtige Richtung. Mit einem Farbkonzept wird der Verein auch dieser Aufgabe gerecht. Für den ganten Innenraum werden nur die Farben gebrochen weiss, blau, holzbraun, Messing und Glas verwendet. Die Wände werden neu tapeziert, da wo es passt mit einem Muster, an anderen Stellen uni.

Die Beleuchtung spielt in einem Speisewagen eine grosse Rolle. Für den WR 825 wurde ein kleines Beleuchtungskonzept entwickelt, so dass auch die unterschiedlichsten Wünsche der Chartergäste in Erfüllung gehen können. Grundsätzlich wird dieser Wagen mit «Haushaltstrom» beleuchtet. So können handelsübliche LED-Leuchtmittel verbaut werden. Denn die bekannten 36 Volt Bajonett Lampen in den Eisenbahnen werden nicht mehr produziert und dementsprechend bald Geschichte sein. Die Deckenbeleuchtung stammt noch von der Rennovation durch BNB. Sie wird weitgehend belassen, alles neu verkabelt versteht sich, und über getrennte Schaltungen angesteuert. Die Tischlampen (über den Tischen am Kanal angebracht) sind ebenfalls aus dem WR 825 Inventar.

Neu hingegen sind die Wandleuchten. Also genau genommen sind sie natürlich nicht neu, denn alle Wandlampen haben 100 Jahre hinter sich… Damals um 1900 hatten die Wagen schon eine Notbeleuchtung. Diese wurde mittels dieser Wandlampen, bestückt mit einer Kerze, betrieben. Unser Elektriker hat die Wandlampen zerlegt und elektrifiziert. Dies war der einfache Teil der kleinen Lämpchen, viel schwieriger gestaltete sich die Beschaffung derselben. 2023 lassen sich diese Relikte der SBB nicht einfach im Katalog in beliebiger Stückzahl bestellen. Auch dieses, stimmungsvolle Licht kann übrigens separat gesteuert werden. Zusätzlich gibt es separates Licht beim Ausguss am Pass, bei der Durchreiche und beim Kaffeebuffet. Für die Beschaffung der verschiedenen Materialien von Lampen bis Marmorabdeckung, über Möbelteile bis Küchengeräte wurden unzählige Kilometer in der ganzen Schweiz zurückgelegt. Das Ergebnis kann sich sehen lassen.

Die «Krönung» zum Luxuszug ist es wohl noch nicht, aber es trägt bestimmt einen Teil dazu bei. Die Rede ist von der Wagennummer in Messing über der Eingangstüre Seite Luzern. Das Farbkonzept der Innenraumgestaltung wirkt sehr harmonisch. Dies bestätigten uns auch die vielen Besucher und Gäste, welche bislang unser Projekt begutachtet haben. Insbesondere der perfekte Einbau des Buffets in diesen Wagen und der neu eingebaute Dienstraum bringen so manchen Gast zum staunen. Nicht selten wird angenommen, dass diese Einbauten schon vor der aktuellen Rennovation zum Wagen gehörten. Zu beginn der Arbeiten wurde der Wagen innen komplett ausgeräumt. Bei einem Haus nennt man dies «entkernt». Nur so bot sich die Möglichkeit alle Kabel neu zu verlegen, Wasserleitungen zu ziehen oder die Neueinteilung der Sitzplätze zu realisieren.

Auch auf dem Wagen schreiten die Arbeiten voran. Nachdem die Dichtigkeit geprüft und kleine Anpassungen vorgenommen wurden, erfolgte eine komplette Reinigung des Daches. Danach wurden die Bleche und Lüfter angeschliffen und ein erstes Mal mit Weiss-Aluminium gestrichen. Diese Arbeiten wurden etwas vorgezogen, um die warme Jahreszeit zu nutzen. Auf der Innenseite des Daches konnte der Wagen inzwischen fast vollständig neu isoliert werden.

Nach fast zwei Jahren seit der Neuaufnahme der Arbeiten am WR 825 sind die Arbeiten weit fortgeschritten. Der finale Innenausbau wird erst nach dem Umsetzen des Wagenkastens auf das vorbereitete Chassis erfolgen. Diese «Hochzeit» der beiden Wagenkomponenten soll noch vor Weihnachten 2023 durchgeführt werden können. Bis dahin wird fleissig weitergearbeitet. Sobald die Achsen aus der Werkstatt in Meiringen wieder in Alpnachstad eintreffen, werden diese an den Drehgestellen montiert. Im Oktober haben alle vier Achsen inklusive der Speichenräder die Rissprüfung bestanden.

Gerne berichten wir an dieser Stelle auch in Zukunft über den Stand der Dinge beim Speisewagen WR 825. Dann, wenn der Wagen wieder auf seinen eigenen vier Achsen steht.

Wer Interesse hat, sich in das Team Alpnachstad einzubringen und mit tatkräftiger Unterstützung diesem und anderen Projekten zurück auf das Gleis zu verhelfen, darf sich bitte direkt über diese Website unter «kontakt» melden.

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