HGe 4/4 I 1992 „Muni“ – Kraftpaket für den Brünig

Kraft am Berg – eine Lokomotive für die steilsten Aufgaben

Mit dem rasant wachsenden Tourismus der 1950er-Jahre stieg auf der Brüniglinie der SBB der Bedarf an Zugleistungen erheblich. Die vorhandenen Triebfahrzeuge, insbesondere die Deh 4/6-Gepäcktriebwagen, mussten zunehmend in Doppel- oder Dreifachtraktion verkehren. Der Materialverschleiß stieg, und es zeigte sich deutlich, dass der Fuhrpark der Brünigbahn an seine Grenzen stieß.

Als Antwort beschafften die SBB 1954 zwei rein elektrische Lokomotiven für die Bergstrecke – speziell ausgelegt für den kombinierten Adhäsions- und Zahnradbetrieb: die HGe 4/4 I, gebaut von SLM, MFO und BBC.

Technischer Meilenstein
Mit einer Stundenleistung von 1420 kW (1930 PS) galten die beiden Lokomotiven bei ihrer Inbetriebnahme als die stärksten Schmalspurlokomotiven der Welt. Sie kombinierten hohe Zugkraft mit einem leistungsfähigen Zahnradantrieb nach dem System Riggenbach, was sie für den Einsatz auf den steilsten Abschnitten der Brüniglinie prädestinierte.

Die Bauweise mit vier einzeln angetriebenen Achsen (Bo’Bo‘), robustem Stahlrahmen und mittigem Zahnradsystem war für den schweren Einsatz ausgelegt. Die Loks wurden in der für die damalige Zeit typischen silberfarbenen Lackierung geliefert und erhielten später das klassische grün sowie später auch rot-grüne Varianten.

Eingesetzt, wo es am steilsten war
Trotz ihrer beeindruckenden Leistung war die HGe 4/4 I durch ihre relativ niedrige Höchstgeschwindigkeit von 50 km/h im Adhäsionsbetrieb für den durchgehenden Schnellzugdienst auf der Brüniglinie ungeeignet. Die gleichzeitig eingesetzten Deh 4/6-Triebwagen erreichten 75 km/h und konnten daher auf den flacheren Abschnitten effizienter eingesetzt werden.

Die „Muni“ – so ihr bis heute gebräuchlicher Übername, inspiriert vom kräftigen Stier – kam daher vor allem auf dem steilen Mittelabschnitt der Strecke zwischen Giswil – Brünig – Meiringen zum Einsatz. Hier spielte sie ihre Stärken voll aus: bei schweren Schnellzügen im Zahnstangenabschnitt, bei Militärtransporten oder bei Güterzügen über den Pass.

Farbgestaltung
Bei ihrer Auslieferung im Jahr 1954 war die HGe 4/4 I 1992 vollständig in SBB-Tannengrün lackiert – der gesamte Lokkasten, vom Trittbrett bis zur Dachkante, zeigte sich in diesem dunklen, klassischen Farbton. Das Dach, die Widerstandsschutzbleche sowie die Stromabnehmer waren in Alusilber gehalten, was für einen klaren technischen Kontrast sorgte. Zierlinien oder farbliche Unterteilungen waren zunächst nicht vorhanden – das Erscheinungsbild war sachlich, funktional und ganz auf den Betriebseinsatz abgestimmt.

Im Rahmen der feierlichen Loktaufe am 5. Dezember 1968 auf den Namen „Giswil“ erhielt die Lok ein überarbeitetes Farbkleid: Der Untergurt wurde nun in Grau umlackiert und durch eine feine weiße Linie vom grünen Lokkasten abgesetzt. Diese neue Gestaltung verlieh der Lok ein deutlich eleganteres und moderneres Erscheinungsbild, das sie bis zum Ende ihrer aktiven Laufbahn beibehielt. Das silberne Dach und die alufarbenen Anbauteile blieben dabei unverändert.

Lebenslauf und Erhaltung
Die beiden Lokomotiven (Nr. 1991 und 1992) leisteten während Jahrzehnten treue Dienste am Brünig. Mit der Einführung der moderneren HGe 4/4 II ab Mitte der 1980er-Jahre verloren sie an Bedeutung. Lok 1991 wurde 1992 ausrangiert und verschrottet. Lok 1992 blieb erhalten und ist heute als historisch wertvolles Einzelstück museal gesichert.

Sie steht exemplarisch für eine Epoche schweizerischer Bahntechnik, in der auf schwierigen Strecken kompromisslose Speziallösungen gefragt waren – leistungsfähig, langlebig und mit Charakter.

1954
Baujahr

Die Lokomotive wurde von den SBB für die Brünigbahn beschafft, um den stark zunehmenden Verkehr nach dem Zweiten Weltkrieg zu bewältigen

1954
1967
Umbau Stromabnehmer

Die Lokomotive wurde mit einem neuen Stromabnehmer ausgerüstet, der eine bessere Stromaufnahme ermöglichte

1967
05. Dezember 1968
Taufe «Giswil»

Taufe mit dem Namen Giswil. Dem entsprechen erhielt sie auch das Wappen von Giswil.

05. Dezember 1968
1969
Revision R3

1969
20.05.1969
Neulackierung

Die Lokomotive wurde mit einem neuen Anstrich und Zierlinie versehen, der ihr ein moderneres Aussehen verlieh.

20.05.1969
1996
Ausmusterung

1996
2002
Übernahme der Lok durch zbHistoric (BNB)

2002
2005
Beginn Revision

2005
2009
Erste historische Fahrt nach Revision

2009
Nummerierung:1991–1992
Hersteller:BBC, MFO, SLM
Baujahr(e):1954
Achsformel:B0’zz B0’zz
Spurweite:1000 mm (Meterspur)
Länge über Kupplung:13’130 mm
Dienstmasse:54 t
Höchstgeschwindigkeit:Adhäsion: 50 km/h
Zahnrad: 33 km/h
Stundenleistung:1420 kW (1930 PS) bei 31 km/h
Anfahrzugkraft:Adhäsion: 137 kN
Zahnrad: 275 kN
Stundenzugkraft:Adhäsion: 137 kN
Zahnrad: 186 kN
Treibraddurchmesser:1028 mm
Zahnradsystem:Riggenbach
Größe Zahnräder:891 mm
Stromsystem:15 kV, 16⅔ Hz ~
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